
Krisenpräventionsfaktor Nr. 1: Anstand
Letzte Woche hat Lindt & Sprüngli seinen CEO Adalbert Lechner entlassen. Fristlos. Grund: Die gescheiterte «neue Preispolitik». Das ist euphemistisch für: die gescheiterte Kundenabzocke. Und ein gutes Beispiel dafür, was im Moment die meisten Krisen auslöst: fehlender Anstand und eine Gier, die sich «die Basis» nicht meh länger gefallen lässt.
Bleiben wir einen Moment bei Lindt & Sprüngli. Der grosse Shitstorm ging an Ostern durch die Social-Media-Kanäle. Die Systemmedien hatten den Aufstand der Konsumentinnen und Konsumenten nur am Rande thematisiert – wir vermuten, dass Lindt & Sprüngli ein zu grosser Werbekunde ist, als dass man ihn mit kritischer Berichterstattung allzu sehr verärgern wollte. Aber klar, das ist reine Spekulation.
Fakt ist, dass Lindt & Sprüngli für die bekannten Goldhasen so viel Geld heuschen wollte wie schon lange nicht mehr. Gerade in Deutschland, wo die Kundschaft bekanntlich einiges preissensibler ist als etwa in der Schweiz. Lindt & Sprüngli wandte dabei denselben Trick an, mit dem auch schon Mondelez negativ aufgefallen war: Die höheren Preise wurden kombiniert mit weniger Produkt. Im deutschen Handel kostete ein 50-Gramm-Goldhase im Frühjahr 2025 bei Rewe zuletzt 2,79 Euro, bei Edeka teils 3,35 Euro; grössere Hasen erreichten bei Globus 12,99 Euro für 270 Gramm. Parallel wurden kleinere Packungsgrössen eingeführt, um die Einstiegshürde zu senken, ohne die Premium-Preise grundsätzlich aufzugeben.
Die erwartbare Folge: Die Goldhasen blieben in den Gestellen liegen und mussten am Ende mit grossen Rabatten verramscht werden. In deutschen Supermärkten wurden Lindt-Produkte zeitweise mit bis zu 75 Prozent Preisabschlag abgesetzt. Die selbstbehauptete Premium-Schokolade im «Alles muss raus»-Gestell? Für jeden Marketer der absolute Supergau.
Begründet wurden die hohen Preise mit den gestiegenen Rohstoffpreisen für die Schokolade. Was teilweise stimmt: Tatsächlich waren die Rohstoffpreise zwischenzeitlich massiv angestiegen. Der Indikatorpreis der International Cocoa Organization lag in der Saison 2024/25 im Durchschnitt bei 6'612 US-Dollar pro Tonne, rund 39 Prozent über dem Vorjahr; Ende 2024 wurden Rekordwerte erreicht. In Deutschland stieg der Kakaopreis im Januar 2025 zeitweise auf über 10'000 Euro pro Tonne.
Nur: Danach fielen die Preise deutlich. Die ICCO berichtet von einem kontinuierlichen Rückgang ab Januar 2025, und Mitte Oktober 2025 lag der Preis bereits wieder unter 5'000 Euro pro Tonne. Die Behauptung, die Osterhasen seien eben noch mit Rohstoffen der teureren Chargen produziert worden, ist deshalb wenig glaubwürdig.
Grosse Hersteller pflegen den Rohstoff-Einkauf zu hedgen, um sich bei kurzfristigen Preiseskalationen vor massiven Kostensteigerungen zu schützen – das gilt erst recht bei Rohstoffen, deren Preise etwa durch Naturereignisse besonders volatil sind. Am Ende griff aber vor allem auch ein Totschlagargument: Einigen Mitbewerbern, und offenbar allen Produzenten, die nicht im Premium-Segment tätig waren, gelang es, ihre günstigen Preise beizubehalten.
Mit anderen Worten: Lindt hatte die Erhöhung der Einkaufspreise einfach zum Anlass genommen, die Marge auf ihren Produkten unanständig zu erhöhen. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die konzernweiten Preisaufschläge im Schnitt bei 11,8 Prozent – während die verkauften Mengen deutlich zurückgingen.
Kein Einzelfall
Lindt waren aber nicht die einzigen in der Schokoladenbranche. Auch Milka trickste, was das Zeug hielt. Statt 100-Gramm-Schokoladentafeln verkauften sie neu 90-Gramm-Tafeln, und das erst noch zu höheren Preisen. Die klassische Alpenmilch-Tafel kostete im Handel zuvor 1,49 Euro, danach 1,99 Euro – bei gleichzeitig um zehn Gramm reduziertem Inhalt. Das entspricht einer verdeckten Preiserhöhung von mehr als 48 Prozent.
Die neue Grammage wurde so auf die Verpackung gedruckt, dass man die Angabe nicht sehen konnte, solange die Schokoladenverpackung noch im Ständer war. Und die Verpackung blieb im Wesentlichen gleich gross, damit möglichst niemand den faulen Trick erkennen sollte. Die Tafel selbst wurde lediglich um rund einen Millimeter dünner.
Der Schuss ging nach hinten los. Die Verbraucherzentrale Hamburg klagte wegen unlauteren Wettbewerbs, und das Landgericht Bremen stufte die 90-Gramm-Tafel als «relative Mogelpackung» und damit als Irreführung der Verbraucher ein. Mondelez, der Mutterkonzern von «Milka», darf die beanstandete Packung künftig nicht mehr so in Verkehr bringen, wenn in den vier Monaten zuvor noch die 100-Gramm-Variante angeboten wurde; bei einem Verstoss droht ein Ordnungsgeld von bis zu 250'000 Euro. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig, aber publikumswirksam war es längst: Foodwatch kürte Milka für den Vorgang mit dem «Goldenen Windbeutel» als «dreisteste Werbelüge 2024».
Auch ausserhalb der Schokolade gibt es genügend Beispiele. Mondelez verkleinerte etwa sein Oreo-Stieleis von vier Portionen à 110 Milliliter auf drei Portionen à 90 Milliliter – bei gleichem Preis. Die Verbraucherzentrale Hamburg meldete bereits 2024 einen Rekord an Beschwerden über «Mogelpackungen»: weniger Inhalt zum gleichen oder höheren Preis, bei möglichst unveränderter Optik. Der Effekt ist immer derselbe: Die Firma glaubt, eine Preiserhöhung verstecken zu können, und verwandelt einen Preisdiskussionsfall in einen Vertrauensschaden.
Auch die Politik macht es nicht besser
Was die Wirtschaft kann, macht sich auch die Politik zu eigen. Besonders dreist die CDU/CSU, die im Wahlkampf versprach, an der Schuldenbremse festzuhalten. Im Wahlprogramm hiess es ausdrücklich: «Wir halten an der Schuldenbremse des Grundgesetzes fest. Die Schulden von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.» Nach der Wahl wurde dann das Gegenteil beschlossen: ein Sondervermögen von bis zu 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität, finanziert mit neuen Schulden. Der Begriff «Sondervermögen» ist ein krasser Euphemismus für Schulden – und wurde von den Systemmedien selten genug hinterfragt.
Die Aussagen der CDU/CSU-Politiker, sie würden keine Steuern erhöhen, wurden unterdessen mehrfach widerlegt. Der Bundestag beschloss im Oktober 2026 eine Tabaksteuererhöhung, die über vier Jahre regelmässig steigt; eine Packung mit 20 Zigaretten soll laut Gesetzgebung dadurch ab 2027 im Schnitt 8,77 Euro kosten, 2030 bereits 11,36 Euro. Dazu kommen höhere Abgaben und Preisbelastungen etwa im Energiebereich, die den Bürgerinnen und Bürgern als «Klimapolitik», «Lenkung» oder «Finanzierung» verkauft werden. Zeugen davon, dass viele Politiker offensichtlich keinerlei Hemmungen dabei haben, die Bevölkerung schamlos zu belügen – anders kann man es nicht sagen.
Dabei folgen die Konsequenzen auf dem Fuss
Was an den genannten Beispielen besonders befremdet: Sie haben in jedem einzelnen Fall zu einer Krise geführt. Lindt & Sprüngli musste zwei Umsatzwarnungen publizieren. Statt der ursprünglich erwarteten 6 bis 8 Prozent organischen Wachstums rechnet der Konzern für 2026 nur noch mit 0 bis 2 Prozent. Der Umsatzschock blieb natürlich auch den Investoren nicht verborgen: Die Aktie fiel im Jahresverlauf zeitweise um rund 40 Prozent; vom Höchststand im Sommer 2025 war sie zeitweise um mehr als 40 Prozent eingebrochen.
Milka kämpft mit Kundenboykotten und einem massiven Reputationsschaden. Viele in Deutschland lassen die violette Schokolade aus Prinzip links liegen: Wer unser Vertrauen missbraucht, soll sich nicht wundern, wenn wir zu anderen Produkten greifen, scheint sich bei vielen im Gedächtnis eingebrannt zu haben. Hinzu kommt das rechtliche Signal des Bremer Urteils: Shrinkflation ist nicht einfach «cleveres Pricing», sondern kann eine wettbewerbsrechtlich relevante Irreführung sein.
Und in der Politik hat die unanständige Lügerei längst zur Existenz-Krise geführt: So stolpert die CDU/CSU von einem Wahldebakel zum nächsten und versucht sich dann damit auszureden, die Wählerschaft habe die Politik eben noch nicht verstanden. Falsch: Auch hier hat die Basis sehr genau verstanden, welches Spiel gespielt wird, und setzt sich Prozentpunkt für Prozentpunkt von dem unanständigen Getue ab.
Also: Besinnt Euch auf Anstand
Die Beispiele, von denen es noch Dutzende weitere gäbe, zeigen eines sehr genau: Wer die Grundregeln von Anstand missachtet, hat gute Chancen, in eine akute Krise hineinzugeraten. Und zwar eine, die sich so schnell nicht korrigieren lässt. Denn die Folgen operativer Fehlleistungen, auch wenn sie schlimmste Konsequenzen haben, lassen sich mit professionellem Krisenmanagement und ehrlicher Krisenkommunikation eintüten.
Wer hingegen dadurch in die Krise geraten ist, dass er grundlegende Anstandsregeln verletzt hat, hat es wesentlich schwerer. Denn er hat das zerstört, was in der Krisenkommunikation das Fundament bildet: die Glaubwürdigkeit. Dass auf einem wackligen Fundament kein Haus sicher stehen kann, ist jedem klar. Und wenn die Krise so tief geht, dass erst alles abgetragen und ein neues Fundament errichtet werden muss, dann kostet das in besonderem Ausmass Zeit und Geld.
Wem diese ganze Erkenntnis jetzt etwas platt vorkommt: So ging es uns auch. Nur ist der Grundwert von Anstand als Basis des gesellschaftlichen Miteinanders offenbar in den Wirren der Zeit so verschütt gegangen, dass es nötig geworden ist, darauf zu pochen. Vielleicht braucht es auch erst wieder mal eine neue Management-Mode. Nach dem «Agilen Management» jetzt das «Decent Management»? Und einen CDO als neue Funktion. Einen Chief Decency Officer, der in der Vorstandssitzung immer mal wieder daran erinnert, was Anstand ist, weil die anderen am Tisch den Begriff womöglich nicht mehr kennen.










